Blaues Licht

Rambo: „Das ist blaues Licht.“. Hamid: „Und was macht es?“. Rambo: „Es leuchtet blau.“

Ein Zitat für die Ewigkeit. Danke, Rambo. Der Mann wusste genau, wovon er spricht. Der Ganzheit halber hätte unser aller Action-Hero noch die Wirkung von blauem Licht erwähnen können. Was macht dieses blaue Licht denn noch, außer blau zu leuchten? Es reguliert unseren Bio-Rhythmus. Der im Farbspektrum des Tageslichts vorhandene Blauanteil hat nämlich einen direkten Einfluss auf die Ausschüttung des Hormons Melatonin. Wenn wir blauem Licht ausgesetzt sind, wird die Ausschüttung des als Schlafhormon bekannten Melatonins unterdrückt. Somit werden wir nicht müde bzw. bleiben wach. Im Sommer mit seinen langen und hellen Tagen können wir das Jahr für Jahr spüren. Die Dinge gehen leicht von der Hand, wir müssen uns nicht überwinden. Das in den Sonnenstrahlen vorhandene Blaulicht ist ein Antreiber und sorgt dafür, dass wir uns bewegen wollen. Das hat die Natur so eingerichtet.

Ebenso hat die Natur eingerichtet, dass auf den Sommer der Herbst folgt. Und auf den Herbst der Winter. Bei genauerer Betrachtung – am besten mit Sonnenbrille – fällt auf, dass es der Herbst in puncto Sonnenscheindauer nicht ganz mit dem Sommer aufnehmen kann. Ganz zu schweigen vom Winter. Spitzenreiter in der Kategorie Sonnenscheindauer sind die Tage in der Juni-Mitte mit satten 16 an der Zahl. Schlusslicht (der Begriff Schlussschatten wäre wohl passender) sind die Tage in vor dem Weihnachtsfest in der Dezember-Mitte mit kläglichen 8 Stunden. Da wird es dann richtig finster und der Tunnel, an dessen Ende das Licht ist, scheint unendlich lang. Binnen sechs Monaten hat sich also das Verhältnis von Tag und Nacht, von Hell und Dunkel verkehrt. Ein ganz ähnliches Bild ergibt sich beim Verhältnis von Aktivität und Passivität. Im Sommer hat unsere Aktivität ganz klar die Oberhand und wir stellen uns die Frage: „Who the f*** is Schlafenszeit?“. In diesem Jahresabschnitt scheint bleierne Müdigkeit nur ein theoretisches Konstrukt zu sein und fehlenden Antrieb kenne mer net. In lauen Sommernächten bleiben wir auch mal wach bis die Wolken wieder lila sind. Sich dann geleitet von unserer Vernunft vor Mitternacht in´s Bett zu legen weil am nächsten Tag die Arbeit ruft, ist oftmals ein hoffnungsloses Unterfangen. Im Endeffekt liegen wir dann nur hellwach da und wälzen uns von Seite zu Seite. Doch selbst wenn wir uns gefühlt die ganze Nacht schlaflos um die eigene Achse gedreht haben, fühlen wir uns am nächsten Tag nicht gerädert und kommen relativ gut in die Gänge.

Einfach spektakulär! Dem Himmel sei gedankt. Wenn es dieses blaue Licht nicht gäbe, dann müsste man es erfinden. Denn es bewegt uns Menschen dazu, uns zu bewegen. Und damit zu mehr Fitness, besserer Gesundheit und gehobener Stimmung. Da gibt es nur einen Haken. Es ist nicht immer Sommer. Die Tage werden auch wieder kürzer und die Temperaturen kühler. Dem goldenen Oktober mit seinem Farben- und Lichtspiel können wir noch viel Positives abgewinnen. Doch bald darauf droht Ungemach. Es beginnt mit dem Umstellen der Uhren auf Winterzeit. Dann folgt der November-Blues. Und in manchen Fällen läuft es auf eine Winterdepression hinaus. Ein sehr starker Kontrast zur Badewiesen-Atmosphäre im Sommer. Im Winter geht nicht mehr viel. Die Schlafbereitschaft ist maximal ausgeprägt. Wir sind scheintot. Blöd nur, dass die Strandfigur im Winter entsteht. Bis ein Muskelaufbau-Training beispielsweise sichtbare Ergebnisse liefert, vergehen 8-12 Wochen. Wer noch bessere Ergebnisse möchte, addiere nochmals ein paar Wochen. Im Winter trennt sich somit die Spreu vom Weizen. Das klingt alles schön und gut. Doch beim Blick aus dem weihnachtlich geschmückten Fenster kommt dann meistens nur eine Argumentationskette zustande: Null Sonnenschein, null Bock. Wo ist das blau Licht, wenn man es braucht?

In Zeiten des Lichtmangels und damit verbundener Trägheit sagt man sich allzu gerne, dass es auf diese eine Trainingseinheit nicht ankommen wird. Und allzu gerne sagt man das auch am nächsten Tag. Und am übernächsten. Am allerliebsten behauptet man gleichzeitig von sich selbst, in einer guten bis sehr guten gesundheitlichen Verfassung zu sein. Das ist ein Paradox. Und dieses Paradox begegnet uns hierzulande über 40 Millionen Mal. Aus dem DKV-Report 2018 geht nämlich hervor, dass 61 Prozent der Bundesbürger ihren Gesundheitszustand eben als gut oder sehr gut einschätzen. Lustig/Traurig daran ist, dass nur 9 Prozent einen gesunden Lebensstil pflegen, der diese Einschätzung stützt. Während die Aussagen der Befragten des DKV-Reports also häufig an der Realität vorbei gehen, treffen die Presse-Schlagzeilen den Nagel auf den Kopf: „Deutschland sitzt sich krank“, „Deutschland, Land der Bewegungsmuffel“ oder auch „Deutschland geht die Puste aus“. Auch Studienleiter Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule spricht von einem „traurigen Ergebnis“. Um genau zu sein, müsste er sogar von einem „noch traurigerem Ergebnis“ sprechen, denn im Vergleich zu 2016 haben sich die Werte nochmals verschlechtert. In 2018 erfüllen nur noch 43 Prozent der Deutschen die WHO-Vorgabe von 150 Minuten moderater bzw. 75 Minuten intensiver körperlicher Aktivität pro Woche. Und gar 10 Prozent unserer Mitmenschen können von sich behaupten, nie länger als 10 Minuten am Stück körperlich aktiv zu sein. Spätestens jetzt muss man aussprechen, dass der Homo sedentarius kein Hirngespinst mehr ist.

Gut für die Sitzmöbelindustrie, schlecht für das Gesundheitssystem. Wie kommen wir aus diesem Schlamassel wieder raus? Option Nr. 1: Wir verlassen unseren Breitengrad und ziehen gen Süden, um mehr Blaulicht abzukriegen. Option Nr. 2: Wir schalten das Licht in unserem Oberstübchen wieder ein. Probieren wir es doch noch einmal mit Option Nr. 2. Denken hilft. Sich besinnen hilft. Geschwätz und Getöse ausblenden hilft. Die alles entscheidende Frage, die wir uns bei vollem Bewusstsein stellen sollten, lautet: Was will ich wirklich? Es ist ratsam, sich für die Beantwortung einer solch grundsätzlichen Frage die nötige Zeit zu nehmen. Denn was wir wirklich wollen wird oft von dem überlagert, was wir wollen sollen. All die Marktschreier um uns herum müssen wir vor unserem geistigen Auge auf stumm schalten und unsere innere Stimme bis zum Anschlag aufdrehen. Wohltuende Klänge stehen jedem bevor, der sich hin und wieder auf die Reise in’s Innere begibt.

Oft sind es die Worte eines Menschen, die einen darüber nachdenken lassen, was man wirklich will. Bei mir waren es in einem Fall die Worte meines ehemaligen Geschichtslehrers. Ein hochintelligenter Mann. Ich hörte ihm zu Schulzeiten gerne zu. Nach über zehn Jahren begegneten wir uns in diesem Sommer wieder. Wir fuhren auf unseren Fahrrädern ein kurzes Stück nebeneinander her bevor sich unsere Wege wieder trennten. Es waren zwei, höchstens drei Minuten. Unser Gespräch war schnell vorüber, doch die Worte blieben mir – wie schon zu Schulzeiten – im Gedächtnis. Er sagte: „Die Leute haben dicke Bäuche und die Leute wollen genießen.“. Vollkommen richtig. Genießen wollen wir alle. Wenn es um’s Genießen geht, bin ich ganz vorne dabei. Aber in meinen Augen verhindert ein dicker Bauch eher den Genuss. Ich sehe in einer überdimensionierten Plauze eher falsch verstandenen Genuss. Es kann doch nicht die Rede von Genuss sein, wenn ich aufgrund meiner Unförmigkeit in meiner Bewegung eingeschränkt, schwerfällig und kurzatmig bin. Ich spreche hier nicht von einem Bäuchlein, sondern von einer Kugel, die man vor sich her schiebt. Ich spreche von einer Lebensmittel-Schwangerschaft im neunten Monat.

Also, was will ich wirklich? Ich will genießen. Um genießen zu können, will ich fit sein. Um fit zu sein, muss ich regelmäßig körperlich aktiv sein. Heißt im Umkehrschluss: Ich will nicht dauerhaft im Hängemattenmodus verweilen. Auch bei widrigen Umständen. Auch dann, wenn das Blau Licht rar ist. Blaues Licht ist letztlich auch nur ein Umstand. Ich lass‘ die Umstände einfach Umstände sein. Zuguterletzt habe ich immer noch ein Ass im Ärmel, nämlich die Worte, die mir mein Geschichtslehrer mit auf den Weg gegeben hat: „Machen sie es gut, Djamal.“. Ja, das werde ich.