Ich brauch‘ immer Puls

Manchmal hört man Dinge und denkt sich: „Ich glaub‘, ich hör‘ nicht recht.“. Echt jetzt? Hat sie das jetzt wirklich gesagt? Meint er das ernst? Das Gehörte bewegt uns, ist vielleicht sogar anstößig. Umgangssprachlich war das dann eine echt krasse Aussage.

Ich glaubte vor Kurzem auch, ich hör‘ nicht recht. Aber es lag nicht daran, dass die Aussage besonders gewagt oder reißerisch gewesen ist. Nein, im Gegenteil. Sie war an Banalität kaum zu überbieten. So unspektakulär wie zu sagen, dass morgen die Sonne aufgehen wird. Jedes Kind weiß, dass auch der nächste Tag mit einer hellen Scheibe am Himmel beginnen wird und deswegen braucht man sich darüber auch nicht weiter unterhalten. Und gerade weil so ein Spruch so überflüssig ist, bleibt er eine Weile im Gedächtnis. Das spektakulär Unspektakuläre bleibt haften.

So trug es sich zu, dass zwei Männer nach Vollendung ihrer Trainingseinheit auf der Laufbahn zu ihren Fahrrädern schritten. Sie schwangen sich auf ihre Bikes und einer der beiden fuhr auch schon los. In der Erwartung, der andere würde ihm dicht folgen, drehte er sich um. Doch da war niemand. Sein Kumpane war noch gar nicht losgefahren. Was war los? Der Zurückgebliebene bediente mit ernster Miene noch seine Armbanduhr. Mit hörbarem Unverständnis rief der Vorausgefahrene: „Wofür brauchst du das denn jetzt?“. Und so sprach unser Freund der digitalen Daten aus, was sonst niemand aussprechen würde: „Ich brauch‘ immer Puls.“. Wo er Recht hat, hat er Recht.

Ich brauche Puls. Du brauchst Puls. Wir alle brauchen Puls. Andernfalls wird es mit der Sauerstoffversorgung sehr knapp. Doch das merkt man dann auch schnell ohne Smartwatch und Co. Man muss den technischen Schnickschnack dort, wo er überflüssig ist, auch mal bei Seite legen. Abseits von Belastungs- und Langzeit-EKGs, Intervalltraining, Apnoetauchen und zwei, drei anderen Dingen führt das permanente Tracken der Herzfrequenz nur zu unnötigem Alarmismus. Und das ist für die Herzgesundheit kontraproduktiv. Ganz herzliche Grüße.