I’ve been to the mountaintop

Alle Jahre wieder kommt das Christuskind. Und in den Tagen und Wochen bevor es kommt, ist besonders viel zu erledigen. Der Besuch auf dem Weihnachtsmarkt, der Kauf der Nordmann-/Blaumanntanne mit dem besten Wuchs, das Ausdekorieren der eigenen vier Wände, die Jahresabschlussfeier mit den Arbeitskollegen, die Sache mit den Geschenken – all das und noch vieles mehr ist ein absolutes Muss, sobald wir uns im Dezember befinden. Von Advent zu Advent nehmen Vorfreude und Anspannung kontinuierlich zu und erreichen zwischen dem 24. und 26. Dezember ihren Höhepunkt. Und dann kommen die Tage „zwischen den Jahren“. Das große Spektakel ist vorbei und plötzlich alles so ruhig. Zeit zum Runterkommen, Zeit zum Sinnieren. Und selbstverständlich Zeit für die guten Vorsätze!

Als vor gut zwölf Monaten das Jahr 2017 ausklang, dachte ich darüber nach, welcher Herausforderung ich mich im Jahr 2018 stellen kann. Es gab dann diese eine Idee, die mir nicht mehr aus dem Kopf wollte. Klares Zeichen, das muss ich machen. Die Idee sah so aus: Im Jahr 2018 monatlich von Frankfurt aus auf den Feldberg im Taunus laufen. Heißt übersetzt: Zwölf mal einen Halbmarathon mit 800 Höhenmetern laufen. Gute Idee, oder? Manch einer fand sie verrückt. Dadurch wurde sie für mich nur noch besser.

Der 14.01.18 war der Tag des ersten Laufes. Es war kalt. Aber mit der richtigen Laufkleidung zunächst kein Problem. Nach wenigen Minuten war ich warmgelaufen. Als recht guter Läufer haben mir die ersten 1:30 Stunden kaum Schwierigkeiten bereitet. An der Hohemark, die am Fuße des Feldberges liegt, ging es nun in den Wald und die Steigung nahm spürbar zu. Gleichzeitig nahm die schnell verfügbare Energie in Form von Muskelglykogen spürbar ab. Der sogenannte Hungerast hatte mich erwischt. Auf die Zähne beißen und nicht aufhören! Immer weiter machen, das war der Plan. Nach genau 2:04 Stunden wurde dieser Plan vom steilsten Streckenabschnitt und wunden Fersen durchkreuzt. Mir blieb nichts anderes übrig, als den Lauf abzubrechen und die letzten Kilometer zu gehen.

Völlig geplättet und vom eisigen Wind umweht kam ich dann an der Spitze des Berges an. Beinahe 3:00 Stunden hatte es gedauert. Der Lauf mit all seinen Eindrücken und Strapazen lag nun hinter mir. Aber das große Zittern stand noch bevor, denn jetzt machte sich die starke Unterkühlung bemerkbar. Wie stark sie war? Meine Zähne klapperten. Dieser zittrige Zustand hielt in etwa eine halbe Stunde an. Ich habe mir da oben wirklich den Arsch abgefroren. Dieser erste von zwölf Läufen war insgesamt ein ziemlicher Schlag in’s Kontor. Wie sollte ich damit umgehen?

Ich setzte auf die Karte namens Anpassung. Mir war klar, dass ich schon beim nächsten Lauf im Februar belastbarer sein würde. In physischer wie auch mentaler Hinsicht. Und so war es dann auch. Ohne den Lauf abbrechen zu müssen und mit deutlich verbesserter Gesamtzeit stand ich wieder einmal am Gipfelkreuz des Feldberges. Der Reiz bestand vor allem darin, nach dem ersten Lauf, der sich wie eine Niederlage anfühlte, erfolgreich zurückzukehren. Mission complete! Ok, zwei Läufe waren bewältigt, zehn noch vor der Brust. Was treibt mich jetzt an?

Genau genommen waren es drei Antriebsfedern, die ich nutzte: Ein Poster, ein Blog-Eintrag und eine Rede. Das POSTER besteht aus zwölf Bildern, nämlich dem jeweiligen Finisher-Foto eines jeden Laufes. Mit jedem erlaufenen Finisher-Foto kam ich der Vervollständigung dieses für mich bedeutsamen Posters näher. Ein Bild motiviert mehr als Tausend Worte. Der BLOG-EINTRAG ist der zweite psychologische Kniff, den ich angewandt habe. Wenn das Dutzend voll ist, dann ist das aller Ehren wert. „Da musst du drüber schreiben.“, dachte ich mir. Aber auch nur dann. Niemand will lesen, dass etwas nicht geklappt hat oder auf irgendwann einmal vertagt wurde. Das Dutzend ist voll und das hier ist der Blog-Eintrag dazu. Die REDE, die so etwas wie die Begleitmusik während der Läufe war, stammt von Martin Luther King. Einige Textpassagen dieser Rede waren besonders gute Antreiber.

Ganz vorne dabei: „Be true to what you said on paper.“. Wenn man sich ein Ziel setzt, dann unterzeichnet man zumindest gedanklich einen Vertrag. Halte dein Wort, werde nicht vertragsbrüchig. Auch ein Hochkaräter: „I’ve been to the mountaintop.“. Kaum etwas nötigt mehr Respekt ab, als ein Berg, der sich vor einem auftut. Man kommt sich winzig und klein vor und schreckt schnell zurück. Sagen zu können, dass man auf dem Gipfel eines Berges war, bedeutet, den Widrigkeiten getrotzt zu haben. Absolut unverzichtbar: „He’s allowed me to go up to the mountain. And I’ve looked over and I have seen the promised land.“. Eine Aussicht kann dir den Atem rauben. Eine Einsicht auch. Erkannt zu haben, dass das Ende der Fahnenstange noch (lange) nicht erreicht ist, verleiht Flügel. Wachsen mir auch 2019 wieder Flügel? Es gibt da diese eine Idee…