Minimum

Wie groß kann eigentlich ein Baum werden? Nun, das hängt in erster Linie von der Baumart und den Ressourcen ab. Unter rund 60.000 Baumarten auf unserem Planeten gelten die kalifornischen Sequoias (Riesenmammutbäume) als die größten. Sie bringen es teilweise auf 130 Meter. Doch nicht jeder Baum dieser Gattung schafft es, in diese Dimension vorzudringen. Die Ressourcen entscheiden. Sind Nährstoffe, Licht, Temperatur und Wasser so gegeben, wie sie benötigt werden, dann wird der Baum sein volles Wachstumspotenzial ausschöpfen.

Wenn es jedoch an einer Ressource mangelt, wird diese das Wachstum hemmen. Die im Verhältnis knappste Ressource stellt den sogenannten Minimumfaktor dar. So ist es im 1818 beschriebenen Minimumgesetz von Carl Sprengel formuliert. Interessant ist, dass man allein durch die Steigerung der im Verhältnis geringsten Ressource das Wachstum erhöhen kann. Der Baum wird ein verbessertes Angebot dankend annehmen und in Wachstum ummünzen. Da lässt er sich nicht zwei mal bitten.

Wie ist das eigentlich bei uns Menschen? Kommt es vor, dass wir unsere Fähigkeiten nicht ausschöpfen? Gibt es Menschen, die das Zeug hätten, ganz oben mitzuspielen, aber unter dem Radar fliegen? Die gibt es garantiert! Und das betrifft wohl jeden von uns mehr oder minder. Da stellt sich die Frage, warum das so ist. Mal wieder entscheiden die Ressourcen.

Weniger die sozialen, materiellen und infrastrukturellen. Viel mehr liegt’s an den persönlichen Ressourcen. Zu denen zählt man auch die Charaktereigenschaften eines Menschen. „Der eigene Wille der Betroffenen ist die wichtigste Ressource im Prozess der Zielerarbeitung.“, so Stefan Burkhardt. Er ist in der Sozialen Arbeit tätig und bezeichnet sich als Wachstumsbegleiter. Einen eigenen Willen haben wir alle. Doch im Vergleich zu Bäumen haben wir den Nachteil, dass wir nachdenken können. Noch bevor unser Wille uns an ein Ziel bringt, melden sich Bedenken, Unsicherheiten und Zweifel zu Wort.

Unser anfänglich nicht zu bändigender Wille wird durch unseren inneren Dialog mal wieder eingestampft. Er ist dann oft die im Verhältnis knappste Ressource und unser Minimumfaktor, der uns klein hält. Dann wirken selbst Gänseblümchen neben uns wie Riesenmammutbäume. Schon ein winziger Tropfen Morgentau würde uns jetzt einknicken lassen. Mit einem Holzkopf, der Dinge nicht pausenlos durchdenken kann, wäre das wohl nicht passiert.