Monkey see, monkey do

Alle Menschen sind gleich, denn sie lieben Individualität. In der Welt von Pret-a-porter und Haute Couture mag das zutreffen. In der Welt von Zalando auch. Aber in seinem sozialen Verhalten offenbart der Mensch immer wieder, dass er ein Herdentier ist. Ein Herdentier dem ein Herdentrieb inne wohnt. Und dieser ist so angelegt, dass wir uns durch Imitation in das Sozialgefüge eingliedern. Die Übereinstimmung mit unserem sozialen Umfeld soll unser Überleben sichern. Besonders in Gefahrensituationen.

Am Beispiel des Zebras lässt sich das gut veranschaulichen. Denn im Zebra-Alltag ergeben sich sehr regelmäßig Gefahrensituationen. Etwa wenn sich mal wieder der gefräßige Löwe anschleicht. Spätestens dann, wenn dieser zum Sprint ansetzt, kommt im Zebra der Herdentrieb durch. Alles, was ein Zebra ist, flüchtet und zwar in dieselbe Richtung. Es wird solange gerannt, wie es die anderen in der Herde auch tun. Die Fluchtroute des Nachbar-Zebras hat sich geändert. Also meine auch. Die Herde fühlt sich wieder sicher. Das Gefühl habe ich auch.

Worin sehen Evolutionsforscher den Nutzen des Herdentriebs? Zunächst einmal bietet die Herde Schutz. Die Gefahr nimmt von außen nach innen ab. Des Weiteren soll ein potenzieller Feind verwirrt werden. Dem im Beispiel gewählten Löwen fällt es aufgrund der Unübersichtlichkeit schwer, einen zielgerichteten Angriff durchzuführen. Nicht zuletzt ist eine große Herde auch im Stande, einen Gegenangriff zu starten. Beim Zebra ist der Herdentrieb also immer noch überlebenswichtig. Beim Menschen auch?

Eher weniger. Denn natürliche Feinde sind schon eine ganze Weile nicht mehr vorhanden. Doch bis wir den Herdentrieb abgestreift haben, bedarf es noch ein wenig Evolution. Denn dieser Tage wird wieder fleißig imitert. Die Corona-Krise aktiviert die dafür zuständigen Spiegelneuronen im Gehirn. Das führt zum Beispiel in Supermärkten zu sonderbarem Kaufverhalten. „Wenn wir uns in einer Situation wiederfinden, für die wir keine Erfahrungswerte haben, dann orientieren wir uns an dem, was andere tun.“, erklärt Thomas Brudermann, der Experte auf dem Gebiet der Massenpsychologie ist. Wenn wir uns in Gefahr wähnen, handeln wir im Affekt, also aus der Gemütsregung heraus. Selbst nachzudenken, wäre im Vergleich dazu zu langsam und zu Energie raubend.

Durch das Corona-Virus ist auch eine Situation entstanden, für die wir keine Erfahrungswerte haben. Und dass wir uns dann an anderen orientieren, führt aktuell zu einem erfreulichen Phänomen. Denn die Leute treiben massenhaft Sport. Man hat den Eindruck, als seien wir über Nacht zur führenden Sport-Nation mutiert. Der Affe sieht, der Affe macht. Wenn man mich fragt, dann darf das sportliche Affentheater gerne noch eine Weile anhalten.