Notizen zum Homo sedentarius (1)

Das Leben ist eine Bühne. Sobald man einen Fuß vor die Tür gesetzt hat, ist man auch schon in das 24/7-Schauspiel eingetaucht. In Großstädten ist die Schauspieler-Dichte besonders hoch. Und damit sind nicht die Akteure der städtischen Bühnen gemeint. Gemeint sind all die unfreiwilligen Oscar-Anwärter, die in Einkaufsstraßen, Grünanlagen, Restaurants, Bars und anderswo einfach nur das tun, was sie immer tun: dem Alltag nachgehen. Es lohnt sich, mit offenen Ohren und Augen durch die Stadt zu gehen. Worüber unterhalten sich die Leute mit ihrem Gegenüber bzw. Smartphone? Was machen sie? Und was machen sie nicht? Bei genauem Hinhören und –sehen ist beste Unterhaltung garantiert. Es könnte sich durchaus um den neuen „We love to entertain you“-Werbespot eines deutschen Privatsenders handeln. Ist aber real, denn ich kann nicht zappen. Apropos Zappen!

Wir alle verbringen eindeutig zu viel Zeit auf der TV-Couch. Couch-Potatoes hierzulande verbrachten bereits 1997 stattliche 183 Minuten ihres Tages vor dem Fernseher und haben diesen Wert kontinuierlich auf 221 Minuten im Jahr 2017 ausgebaut. Das nenne ich mal gutes Sitzfleisch. Doch damit nicht genug. Das Extrem-Sitzen geht im Auto und am Arbeitsplatz völlig unbeeindruckt und routiniert weiter. In naher Zukunft könnte es heißen:

„Schatz, es wird heute etwas später. Ich bin mit dem Bürostuhl verwachsen.“.

Der sitzende Mensch (lat.: Homo sedentarius) rückt immer mehr in den Fokus der Wissenschaft. Mittlerweile heißt es, Sitzen sei das neue Rauchen. Klingt nicht wirklich berauschend. Aber das alles ist nicht neu. Wir wissen es längst. Doch mit dem Wissen allein ist es nicht getan, wie auch Derek Sivers feststellt: „If more information was the answer, then we´d all be billionaires with perfect abs.“. Entscheidend ist die Anwendung unseres Wissens. Wir wissen doch, dass Bewegung für eine ganzheitliche Gesundheit unverzichtbar ist. Wir wissen doch, dass wir einen natürlichen Bewegungsdrang in uns tragen. Und wir wissen doch auch, dass unser Umfeld einen starken Einfluss auf unser Denken und Handeln hat. Wir müssen unser Wissen wieder aus der Mottenkiste holen und vergegenwärtigen. Denn wenn wir aus Rücksicht auf unser von einer Sport-Phobie befallenes Umfeld unser Bedürfnis nach Bewegung immer und immer wieder vernachlässigen, dann tritt das worst case scenario ein. Du und ich sind dann ein Homo sedentarius. Schreckliche Vorstellung!

Eine sehr passende Szene durfte ich live und in Farbe verfolgen. Ich war an einem nass-kalten Januar-Morgen in einem Frankfurter Stadtpark sportlich aktiv. Die Temperatur lag einige Grad über dem Gefrierpunkt. Der nachts gefallene Schnee war größtenteils schon geschmolzen, hier und da aber noch sichtbar. Im Volksmund heißt das Schmuddelwetter. Daher waren weniger Leute unterwegs, als es sonntags üblich ist. Diejenigen, die sich gegen das Dösen im heimischen Bett entschieden hatten, genossen die frische Luft. Ein Ehepaar drehte eine Jogging-Runde. Der Mann erkannte in einer Bank am Wegesrand mehr als nur eine Sitzgelegenheit. Er sah in dieser schnöden Bank ein Trainingsgerät, eine sportliche Herausforderung. Seine erkennbare Absicht war es, einige Liegestütze zu machen. Ganz spontan, dem Bauchgefühl folgend. Einfach mal machen, worauf man Lust hat. Purer Instinkt. Es freute mich, zu sehen, wie jemand aus dem vergeistigten Alltag „ausbrechen“ will.

Doch daraus wurde nichts. Notbremse seitens der Frau. Sie meinte es sicherlich nur gut und hatte die besten Absichten. Mit scharfem Blick musterte sie die Bank und erkannte völlig korrekt, dass deren Oberflächenbeschaffenheit der Wetterlage entsprach. Und so sprach sie: „Och nee, Schatz! Die Bank ist total nass. Lass uns das doch nachher zu Hause machen.“. Was war passiert? Hier wurde Bewegung wieder einmal erfolgreich unterbunden.

Lieber Leser, wann immer Dir danach ist, bitte tue es! Bewege Dich! Du bist es Dir einfach schuldig. Und dem unbekannten Mann, der Liegestütze machen wollte.