Notizen zum Homo sedentarius (2)

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Ein Fahrrad manchmal auch. Es kann ganze Bände sprechen. Insbesondere wenn es während der Rush-Hour in einem überfüllten Linien-Bus quer vor den Türen abgestellt wird. In solch einem Fall spricht das Fahrrad derart laut, dass selbst die dicksten Headphones der Fahrgäste durchdrungen werden. Aber was möchte es uns denn sagen? Was schreit es uns entgegen? Dass sein Besitzer ein begnadeter Tetris-Spieler ist, der es wie kein anderer versteht, die letzten verbliebenen zwei Quadratmeter im Innenraum des Busses mit seinem Fahrrad zu besetzen? Nein, die Take-Home-Message ist eine andere. Sie lautet: Gute Freunde kann niemand trennen. Bewegungsmuffel und PS-starke Motoren sind solch gute Freunde. Sie sind sogar sehr gute Freunde. Und Freundschaften wollen gepflegt werden. Hier ist der regelmäßige Kontakt zwingend erforderlich. Am besten täglich. Besser noch mehrmals täglich.

Millionen von deutschen Autofahrern lassen hier nichts anbrennen. Sie positionieren sich mehrmals täglich sitzend hinter dem Lenkrad ihres Automobils. Man muss schließlich zur Arbeit. Man muss auch wieder nach Hause. Man muss einkaufen, zur Bank, zur Post, zur Apotheke und zum Bäcker. Man muss auch und vor allem zum Park fahren, der fußläufig in zehn Minuten erreicht ist, um mit dem Hund Gassi zu gehen. Ja, das muss tatsächlich alles erledigt werden. Aber nein, das muss nicht alles mit dem Auto sein. Auch wenn die Werbung uns weis machen will, das wir nur mit unserem PS-Monster die unendliche Freiheit erfahren können. Die Werbung nimmt es mit der Wahrheit nicht ganz so genau. Denn anders als in Werbespots ist im innerstädtischen Straßenverkehr mehr als nur ein Auto unterwegs. Und anders als in Werbespots gibt es auch rote Ampeln und Stau. Und das öfter als einem lieb ist. Sieht mehr nach Wutprobe als nach unendlicher Freiheit aus. Oder warum sonst wird mit hochroten Köpfen in Lenkräder gebissen und wild gestikuliert? Ja, es ist schon stressig. Aber auf dem Heimweg auf 180 zu sein, gehört irgendwie dazu. Gehört fast schon zum guten Ton. Gute Freunde kann man eben nicht trennen.

Bewegungsmuffel und PS-starke Motoren sind wie füreinander geschaffen, ein kongeniales Paar. Das passt wie Arsch auf Eimer. Ist aber nicht ohne Risiken und Nebenwirkungen. Denn ehe man sich versieht ist das Gewohnheitstier Mensch im Eimer. Und dann ist die grenzenlose Freiheit aus dem aufwendig produzierten Auto-Werbespot in weite Ferne gerückt. Dann hat man nicht mehr nur Punkte in Flensburg. Dann hat man auch Rücken oder Hüfte oder Knie. Womit man im Vergleich zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Krebs wohl noch gut bedient wäre.

Es kann nicht oft genug betont werden, dass der Mensch (homo sapiens) nicht nur ein Gewohnheitstier, sondern auch ein Bewegungstier ist. Das ist per DNA festgelegt. Das war schon so als Botschaften noch an Höhlenwände gemalt wurden. Und das ist auch noch in Zeiten von Sprachnachtrichten via Smartphone so. Doch trotz dieser Gewissheit bewegen sich 85 Prozent der Deutschen nachweislich zu wenig. Das Mindestmaß von zweieinhalb Stunden körperlicher Aktivität pro Woche erreichen sie nicht. Sie verbringen so wöchentlich mindestens 165,5 Stunden ohne zu schwitzen oder außer Atem zu kommen. Mein lieber Herr Gesangsverein! Böse Zungen (Studien) behaupten, dass ein nicht geringer Teil dieser 165,5 Stunden sitzend zugebracht wird. Der homo sedentarius lässt grüßen.

Kommen wir zurück zum unglücklich platzierten Fahrrad, das für blank liegende Nerven bei den eingekesselten Fahrgästen im Bus sorgt. Was hat den Besitzer nur geritten, dass er es für eine gute Idee hielt, den Ausgang zu verbarrikadieren. Es wäre doch eine so viel bessere Idee gewesen, auf seinem Drahtesel davon zu reiten. Zumal der Bewegungsverweigerer lediglich für zwei Stationen von der Mitfahrgelegenheit Gebrauch machte und das auf einer ebenen Strecke ohne jeglichen Anstieg. Ich denke, es handelt sich hierbei um das gleiche Phänomen, dass bei der Wahl zwischen Aufzug und Treppe zu beobachten ist. Natürlich verhalten wir uns in solchen Situationen unnatürlich. Natürlich entscheidet sich die Mehrheit für den Aufzug. Wartezeiten sind kein Problem. So eilig haben wir es dann doch nicht. Auch unser verhinderter Radfahrer wäre bei einem Verzicht auf die Busfahrt wohl schneller gewesen. Und es war auch bestimmt seine erklärte Absicht, sich durch muskulär erzeugte Kraft in der Stadt fortzubewegen. Das ist eine sehr erfreuliche Absicht. Sie ist ihm hoch anzurechnen. Doch einige Angebote kann man einfach nicht ablehnen.

Auf ein herzliches und gut gemeintes „Soll ich dich noch ein Stück mitnehmen?“ mit einem Nein zu antworten wird als unfreundlich und abweisend gedeutet. Aufgrund unserer sozialen Konventionen ist das beinahe eine Kriegserklärung. Aber sieh es doch mal so: Mit einem Ja auf eben diese Frage zu antworten, wäre eine Kriegserklärung in Richtung deiner Schnelligkeit, Kraft, Koordination, Ausdauer und Beweglichkeit. Im Leben muss man sich entscheiden. Priorisieren heißt das heute. Wenn wieder einmal die unvermeidliche „Soll ich dich noch ein Stück mitnehmen?“-Frage kommt, dann kann man mit einem „Danke, ich hab´ schon.“ zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Erstens: Man tritt seinem Gegenüber nicht auf den Schlips. Zweitens (gaaanz wichtig): Man bewegt sich. So einfach, so genial. Dieses Verfahren können wir alle anwenden. Nur Mut. Auch unser lieb gewonnener Tür-Zusteller kann das.

Wenn in Zukunft der Bus vorfährt und mit engelsgleicher Stimme ein „Soll ich dich noch ein Stück mitnehmen?“ säuselt, dann ist es mit einem simplen „Danke, ich hab´ schon.“ getan. Die Bahn, das Taxi und die Stretch-Limo werden es auch versuchen. Genauso der nette Nachbar von nebenan. Aber: „Danke, ich hab´ schon.“. Denn wir verbringen schon mehr als genug Zeit in unserer Komfortzone, kein Zweifel. Also nutzen wir die wenigen verbliebenen Möglichkeiten, um diese Komfortzone auch einmal zu verlassen. Fahrbarer Untersatz, mach´s gut! Eingestaubte Laufschuhe, willkommen zurück!