Notizen zum Homo sedentarius (3)

Der natürliche Lebensraum eines Wackel-Dackels ist der Bereich direkt hinter der Heckscheibe eines Autos. In 99 von 100 Fällen ist das so. Selbstverständlich bestätigt auch hier die Ausnahme die Regel. Diese Ausnahme ist mir in den vergangenen Wochen immer wieder über den Weg gedackelt. Sie ist das Ergebnis von permanenter Erreichbarkeit und Alibi-Sport.

Wir sprechen in diesem konkreten Fall von einer Frau im Alter von schätzungsweise 25 Jahren, also im jungen Erwachsenenalter. Diese Frau im „besten Alter“ geht regelmäßig/gelegentlich/je nach Motivationslage „laufen“. Laufen in Anführungszeichen! Denn das Tempo, das sie an den Tag legt, ist eigentlich zu gering, um sagen zu können, sie gehe laufen. Sie ist aber auch gerade schnell genug, um nicht mehr von einem Gehen sprechen zu können. Sie bewegt sich also in einer Grauzone. Passend zu dieser Grauzone sieht auch ihre Bewegung grausam aus. Wirklich nicht schön anzusehen.

Im Gegensatz dazu ist ein Läufer/eine Läuferin mit guter Bewegungskoordination eine Augenweide, wie ich finde. Dabei werden Arme und Beine diagonal koordiniert, also das linke Bein und der rechte Arm bzw. das rechte Bein und der linke Arm gleichzeitig nach vorne bewegt. Der Rumpf wird dabei stabil gehalten und kann so den Impuls aus den Beinen auf die Arme übertragen. Das Ergebnis: Schrittlänge und Bewegungsökonomie. Jede einzelne Extremität spielt hierbei eine wichtige Rolle. Auch der rechte Arm und dessen Hand, in der sich allzu oft und gerne Smartphones aufhalten.

Ich als perplexer Augenzeuge kann berichten, dass sich unsere Grauzonen-Läuferin der Wichtigkeit des rechten Armes für die Lauf-Koordination nicht bewusst ist. Denn sie pflegt, während ihrer vorgetäuschten Läufe zu telefonieren. Dabei hält sie mit großer Mühe das Smartphone am Ohr. Die Idee, dabei wenigstens ein Headset zu nutzen, ist wohl noch auf dem Weg zu ihr. So kann man ihr immer wieder dabei zuschauen, wie sich sich mit ihrer ganz eigenen Lauftechnik, die selten, aber nicht schön ist, jeden einzelnen Meter erkämpft.

Der Telefonkonferenz-Style muss wirklich anstrengend sein. Da sie ihren rechten Arm nicht als Schwungelement nutzen kann, kompensiert sie dies durch starkes seitliches Beugen im Rumpf. Dieses Geschlängel hat etwas von einem Boxer, der einer Geraden ausweicht. Man kann es auch fast schon einen Limbo nennen. Dabei wollte sie doch eigentlich laufen. Reine Vermutung. Vielleicht frage ich sie beim nächsten Mal.

Oder ich sage ihr, dass sie ein Problem hat. Ihr Problem ist womöglich die Angst, etwas zu verpassen. Diagnose: FOMO (fear of missing out). Selbst Spitzenpolitikern gelingt es, ohne mobiles Endgerät Sport zu treiben. Ihr gelingt es nicht. Damit verpasst sie einen klaren Kopf und mehr als ihr lieb sein kann. Mens sana in corpore sano ist hier leider nicht der Fall. Als Homo sedentarius-Kolumnist wollte ich das Folgende niemals aussprechen, doch für dich, liebe Grauzonen-Läuferin, tue ich es gerne: Setz dich mal hin und dann denk nach.