Querpass-Toni

Was denn wohl die Leute denken? Das ist eine Frage, die Mann und Frau sich häufig stellen. Denn die Meinung der Leute spielt eine ganz, ganz große Rolle für uns. Insbesondere in der frühen Kindheit wird unser Selbstbild durch das geprägt, was andere Personen über uns sagen. Wahrscheinlich treffen viele dieser Aussagen überhaupt nicht zu. Und doch nehmen wir sie für bare Münze und integrieren sie in unser Selbstbild. Und dieses fehlkonstruierte Selbstbild begleitet uns dann in der Zukunft und hat einen immensen Einfluss auf unsere Entscheidungen. Auf die kleinen und die großen.

Ein unbedachtes „Das kannst du nicht.“ genügt, damit sich einige Türen im Leben schließen. Zuspruch hingegen -insbesondere in jungen Jahren erfahren- ist nicht mit Gold aufzuwiegen. Das erkannte auch Seneca: „Zwei Dinge verleihen der Seele am meisten Kraft: Vertrauen auf die Wahrheit und Vertrauen auf sich selbst.“. Einer, bei dem das Vertrauen auf die Wahrheit und auf sich selbst kaum größer sein könnte, ist Toni Kroos. Als heutiger Weltstar des Fußballs ist es naheliegend, dass er von sich überzeugt ist. Doch ein Rückblick zeigt, dass es eine Zeit gab, in der Toni Kroos in der Kritik stand und sich vielen Zweiflern gegenüber sah.

So kreidete man insbesondere ihm das im Mai 2012 verloren gegangene Finale dahoam an weil er im Elfmeterschießen nicht angetreten war. Auch seine Art der Spielgestaltung, seine Spielidee fand bei Publikum wie Vereinsführung kaum Anerkennung. In den Augen vieler war das lediglich Alibi-Gekicke. Schnell nannte man ihn nur noch den Querpass-Toni. Und dass der Querpass-Toni im Frühjahr 2014 einen höher dotierten Vertrag forderte, konnte man überhaupt nicht verstehen.

Die Vertagsverhandlungen wurden letztlich abgebrochen. Der fußballerische Werdegang des Toni Kroos schien in’s Stocken geraten zu sein. Doch die Sache sollte schon sehr bald an Dynamik gewinnen, denn die Fußball-Weltmeisterschaft stand bevor. Die größtmögliche Bühne in der Welt des Fußballs also. War sie zu groß für den viel gescholtenen Querpass-Toni?

Im Nachhineien ist man geneigt zu sagen, dass Toni Kroos eher zu groß für diese Bühne war. Denn als am 13. Juli 2014 der Schlusspfiff im Maracana-Stadion in Rio de Janeiro ertönt, ist Deutschland Fußball-Weltmeister. Und die Schlüsselfigur des Erfolgs heißt Toni Kroos. Besonders eindrucksvoll hat er dies im denkwürdigen Halbfinale gegen Brasilien untermauert, wo er zum Man of the Match gewählt wird. Jetzt beginnen die Lobeshymnen auf ihn. Die Zweifler sind plötzlich verstummt. Dieser Titel ändert alles.

Nun wollen ihn alle, auch die ganz großen Vereine. Er hat die Wahl und entscheidet sich für keinen geringeren Club als Real Madrid. Eine Entscheidung, die für sein enormes Selbstvertrauen spricht, denn in Madrid ist schon so manch einer gescheitert. Doch nicht Toni Kroos. Er etabliert sich in diesem Star-Ensemble. Und wird zum Nationalspieler und Weltspielmacher des Jahres 2014 gewählt. Doch das Ende der Fahnenstange ist noch nicht erreicht.

Mit Real Madrid gewinnt Toni Kroos in drei aufeinanderfolgenden Jahren die Champions-League, was zuvor keinem Verein gelungen ist. Inklusive des Champions-League-Titels aus der Zeit bei Bayern München bringt es der ehemals als Querpass-Toni verschriene auf vier dieser Titel, womit er der einzige deutsche Spieler ist, dem dies gelang. Der Junge hat’s richtig drauf. Und er wusste es auch schon immer. Jetzt weiß es jeder.

Selbst im Kino läuft er jetzt. Was die Leute wohl von dem Film „Kroos“ halten? Es wird ihn nicht kümmern weil er von dem Film überzeugt ist. Wie er auch von seiner Spielphilosophie überzeugt war: „Mehr noch als die gewonnenen Pokale bedeutet mir, dass ich mein Verständnis vom Spiel in alle Teams einbringen durfte. Da hatte mal jemand so richtig Vertrauen auf die Wahrheit und auf sich selbst.