See you at the top!

An der Spitze ist es einsam. Mit diesem Sprichwort liegt man fast immer richtig. Es sei denn, es ist die Spitze des Frankfurter Messeturms und es ist gerade SkyRun. An solch einem Tag ist es an der Spitze alles andere als einsam. Im Gegenteil. Man wird an der Spitze freudig erwartet. Von der Presse, Cheerleadern und Gleichgesinnten. Bei der Ankunft gibt es Applaus. Getränke werden auch gereicht und zwar feinstes Mineralwasser in Plastikbechern. An der Spitze kann es also auch ziemlich nett sein. Unter einer Bedingung…

Beim SkyRun, dessen Einnahmen einem sehr guten Zweck dienen, sind 61 Stockwerke, 222 Höhenmeter und 1202 Stufen zu bewältigen. Nichts leichter als das, oder? Einfach den Fahrstuhl ignorieren, in’s Treppenhaus einbiegen und ab dafür! Das ist natürlich leichter gesagt als getan. Wie leicht oder eben auch nicht es ist, diesen Worten Taten folgen zu lassen, durfte ich am 10.06.18, um 10:28 Uhr in Erfahrung bringen. Nach der Abholung meiner Startnummer und einem 5-minütigen Anschwitzen reihte ich mich in das Teilnehmer-Feld ein, aus dem heraus im 10-Sekunden-Takt jemand startete. Der häufigste Schlachtruf, der den Startern mit auf den Weg gegeben wurde, war ein inbrünstiges „Lauf!“. Forrest Gump lässt grüßen. Kurz nachdem mein Name über den Vorplatz des Messeturms gehallt war, ging es auch für mich los.

Durch das Spalier der Schaulustigen, vorbei am Fotografen, in die Lobby und dann war ich verschwunden im durch seine Schlichtheit bestechenden Treppenhaus. Minimale Beleuchtung und eine Zahl an der Wand, die das Stockwerk verrät. Innerhalb von wenigen Sekunden vom Trubel da draußen in die Stille hier drin. Die Party ging für die anderen weiter, ich war jetzt ganz bei mir und besann mich meiner „Taktik“: Treppen hoch rennen, in der Ebene schnell gehen. Ob das Lauftempo damit gut gewählt ist, wusste ich erst im Ziel. Es war ja mein erster SkyRun. Und er brachte mich wie auch die anderen Teilnehmer gehörig außer Atem. Die Atmung wurde mit jedem Stockwerk tiefer und lauter. Ich konnte stets hören, dass jemand ganz  in der Nähe war, aber manchmal bekam ich für mehrere Stockwerke niemanden zu Gesicht. Diese Geräusch-Kulisse war einerseits amüsant. Andererseits hatte sie aber auch einen leichten Hitchcock-Touch. Das akustische Spektakel trat gedanklich aber immer mehr inden Hintergrund, da das Ziel mit jedem Schritt näher rückte.

Jetzt machten immer öfter entkräftete Läufer den Nachrückenden den Weg frei. Feine Geste, denn auf der Außenbahn überholen zu müssen, macht den Lauf noch kräftezehrender. Schließlich zogen die letzten Nummern an der Wand, die das Stockwerk anzeigten, vorbei: 59, 60, 61. Willkommen im Ziel! Was sagt die Uhr? 10:10 Minuten. Ganz solide, akzeptabel, wie ich finde. Tendenziell etwas zu defensiv gelaufen. Beim nächsten Mal soll es dann deutlich unter 10 Minuten sein. Aber für heute war das schwer in Ordnung. Die Aussicht hier oben ist übrigens auch schwer in Ordnung. Auch die Einsicht, die man hier oben nach getaner Arbeit erlangt, ist einzigartig. Ich kann gleichzeitig über Frankfurts Dächer und in meine Seele blicken. Beim Blick nach draußen sehe ich große Architektur, beim Blick nach innen große Zufriedenheit. Ich habe getan, was ich glaubte, zu können. Ich habe getan, wovon ich überzeugt war. Ich habe mein Potenzial genutzt. Das stimmt mich zufrieden. Meine Mitstreiter auch.

Zwei bis drei Dutzend sind es schätzungsweise in diesem Moment in der pyramidenförmigen Spitze des Messeturms. Insgesamt sind es an diesem Tag einige Hundert Teilnehmer, die in den Genuss dieser Positivität kommen. Nur einige Hundert? In meinen Augen ist dieser Personenkreis viel zu klein. Ein Vergleich mit der J.P. Morgan Corporate Challenge macht dies deutlich. Für den diesjährigen Lauf in Frankfurt waren 2388 Unternehmen und 63870 Teilnehmer gemeldet.  Keine Frage, auch die JPMCC ist ein sportliche Veranstaltung. Aber warum klafft eine so große Lücke? Könnte es daran liegen, dass unser Respekt vor Herausforderungen so manches Mal zu groß und unser Selbstvertrauen zu klein ist? Geht es im Kern um unser Selbstbild? Aber ja. Unser Tun und Lassen bringt unsere Überzeugungen zum Ausdruck. In der Regel machen wir nur Dinge, wenn wir von ihrer Handhabbarkeit überzeugt sind. Wir machen nur das, was wir fest im Griff haben. Kaum jemand konnte diese Zusammenhänge besser beschreiben als Hillary Hinton Ziglar. Zum Glück hat er seine Gedanken rund um die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit in seinem Buch „See You at the Top“ festgehalten. Der Buchtitel könnte kaum besser zu einemSkyRun passen und scheint wie auf den Leib geschneidert.

In seinem Buch sagt Ziglar uns, dass der Unterschied oftmals nur in der Erfahrung liegt. Wenn jemand in Gazellen-Manier 61 Stockwerke hoch rennen kann, dann weil er es nicht zum ersten Mal macht. Er ist nicht generell besser, fitter oder ein Übermensch, sondern hat durch die wiederholte Konfrontation mit der Herausforderung eine erhöhte Belastbarkeit erreicht. Man könnte auch sagen: Er hat trainiert. Ziglar sagt uns auch, dass die meisten verschlossenen Türen in unseren Köpfen sind. Aber, aber, aber! Das große Aber ist allgegenwärtig. Es ist quasi der Türsteher in unserem Kopf und verteilt jedes Mal einen Platzverweis, wenn mal wieder der Wunsch nach Veränderung vor der Tür steht. Wieder ein Korb abgeholt. Der Türöffner könnte es sein, wenn wir das in Vergessenheit geratenene Wort „Trotzdem“ wieder in unseren Wortschatz und unsere Gedankenwelt aufnehmen. Es wird den inneren Dialog bereichern. Exemplarischer Gedankengang: „Meine allerbeste Freundin sagt, dass es in unserer Peer-Group nicht als cool angesehen wird, ein Treppenhaus hoch zu laufen. Für Selfies ist die Beleuchtung auch nicht das Wahre. Außerdem ist es in ihren Augen ein sehr großes Gesundheitsrisiko. Aber ich mache das TROTZDEM!“. Gefällt mir.

Als Dauerschleife für den inneren Dialog sehr zu empfehlen: „It’s your attitude and not your aptitude that determines your altitude.“. Wahre Worte, die auch von Mr. Ziglar himself stammen. Wenn also unsere Einstellung intakt ist, dann können wir uns eine erwünschte Fähigkeit aneignen. Nicht immer, aber öfter als uns lieb ist. „Ich kann das einfach nicht.“ ist übrigens keine Form der Einstellung, die uns einem persönlichen Ziel näher bringt. Man stelle sich einmal vor, wir wären bereits im Säuglingsalter vom „Ich kann das einfach nicht.“-Syndrom betroffen gewesen. Wir hätten uns eingeredet, für den Rest unseres Lebens ein Nicht-Läufer bleiben zu müssen und jeden weiteren Gehversuch kategorisch abgelehnt. Dann säßen wir noch heute auf dem Teppich in der Bau-Ecke unseres Kinderzimmers. Doch unser Entdeckergeist war unerschütterlich und so machte es uns nichts aus, wenn wir auf dem Hosenboden landeten. So war das eben damals. Dem Himmel sei Dank!

Und was ist heute? Du zögerst und haderst, scheust das Unbekannte und schließt Versicherungen ab. Ein Graus, weg damit! Warum hauchst Du Deinem Entdeckergeist nicht neues Leben ein und dringst in eine neue Dimension vor? Im Treppenhaus brennt noch Licht. Wir sehen uns an der Spitze.